JSG - Julius-Stursberg-Gymnasium Neukirchen-Vluyn Julius-Stursberg-Gymnasium

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Reisebericht: Unsere Fahrt nach Oświęcim, Polen
22. Januar 2019

Seit sechs Jahren verbringt ein 12er-Projektkurs des Julius-Stursberg-Gymnasiums unter dem Thema „..., dass Auschwitz nicht noch einmal sei..." eine Woche in der Stadt Oświęcim (zu dt.: Auschwitz). In diesem Jahr waren wir an der Reihe. Nach langen Vorbereitungen und vielen Recherchen standen wir am 14.01.2019 pünktlich um 7:30 Uhr am Düsseldorfer Flughafen. Wir erreichten nach fünfstündiger Reise unsere Bleibe für die nächste Woche: das Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim. Nach freundlicher Begrüßung besprachen wir den Ablauf und das Programm der kommenden Tage und unsere persönlichen Erwartungen an diese Fahrt. Mit dem Spielfilm „Am Ende kommen Touristen" stimmten wir uns auf die Woche ein. Am nächsten Tag besuchten wir direkt die Gedenkstätte Auschwitz und erhielten eine interessante Führung durch das Museum und Stammlager Auschwitz I. Bereits hier konnten wir erleben, was uns auf dieser Fahrt erwarten würde - eine Menge von Informationen, deren emotionale Erfassung oft schwer fällt: Was macht man selbst daraus, wenn man alle Dokumente und Reden, die in der Ausstellung gezeigt werden, in seiner eigenen Sprache hört? Wie soll man damit umgehen, wenn Kinderschuhe, Brillen und andere persönlichste Gegenstände von Menschen in Bergen gezeigt werden können, einfach, weil sie den Häftlingen systematisch abgenommen und zur Weiterverwertung gesammelt wurden? Nachmittags besuchten wir das Zentrum der Stadt Oświęcim, wo wir das frühere jüdische Leben in einem Workshop besser kennenlernen konnten. Der Tag endete mit einem Abendessen in unserer Herberge und einer gemeinsamen Nachbesprechung des Erlebten.

Am Mittwoch erreichten wir morgens schon nach kurzer Fahrt das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die dreistündige Führung durch das KZ berührte uns allein durch dessen Größe, aber auch durch die von unserer Führerin immer wieder eingebundenen Einzelschicksale, auf besondere Weise. Obwohl wir schon viel Vorwissen mitbrachten, konnte sich niemand von uns wirklich vorstellen und nachempfinden, was an diesem Ort Schreckliches stattfand. Wir diskutierten noch lange über die Geschichte unseres Landes und konnten uns nicht wirklich vorstellen, wie das alles damals passieren konnte. Nachmittags fuhren wir zur Internationalen Jugendbegegnungsstätte und hatten die Möglichkeit ein Zeitzeugengespräch mit Herrn Dlugoborski zu führen, der damals als politischer Häftling in Auschwitz gefangen war. Der 93-Jährige ehemalige Geschichtsprofessor ist der letzte Zeitzeuge, der noch vor Ort Gespräche führt. Er nimmt trotz merklicher, gesundheitlicher Probleme dafür eine lange Taxifahrt von Warschau nach Oświęcim auf sich, nur um an Ort und Stelle zu berichten.

Der Tag endete mit einer intensiven Nachbesprechung und reichlich Gesprächsstoff in unserer Herberge. Den Donnerstag verbrachten wir in Krakau, mit glücklicherweise sonnigem Wetter. Nach einstündiger Fahrt durften wir für die ersten Stunden die Stadt individuell erkunden. Nach einem Gang durch das frühere jüdische Viertel Kazimierz besuchten wir die Ausstellung „Traces of Memory" und erfuhren noch mehr über die jüdische Vergangenheit in Polen aus zeitgenössischer Sicht. Dort im Museum durften wir ein weiteres Zeitzeugengespräch mit Frau Rach führen, welche während des 2. Weltkriegs im jüdischen Ghetto in Krakau geboren wurde. Ihr ganzes weiteres Leben ist geprägt durch diese Zeit. Ihre Mutter bezahlte polnische Fremde, die das Kind aufzogen, um, nach dramatischer Flucht aus dem Ghetto, ihr eigenes Überleben und das ihres Kindes zu sichern. Nach dem Krieg verstand das Kind überhaupt nicht, warum es zu seinen leiblichen Eltern zurück sollte. Die leibliche Mutter kannte Frau Rach zwar oberflächlich von seltenen Besuchen, aber der Vater, ein Schindlerjude, war ihr völlig unbekannt. Erst durch einen Gerichtsbeschluss konnten die leiblichen Eltern Frau Rach wieder bei sich aufnehmen. Der Verlust der Pflegefamilie war für unsere Zeitzeugin so gravierend, dass sie nie wieder zu einem entspannten Verhältnis zu ihren Eltern gefunden hat.

In einem jüdischen Restaurant ließen wir mit leckerem Essen und Klezmer-Musik zusammen den Tag ausklingen. Am letzten Morgen besuchten wir erneut die Internationale Jugendbegegnungsstätte, wo es uns möglich war, im dortigen Archiv seltene Dokumente und Bücher aus Auschwitz als Informationsquellen für unsere jeweiligen wissenschaftlichen Arbeiten zu studieren. Die interessanten Lektüren fesselten uns für einige Stunden und boten wieder reichlich Redeanlässe. Nach dem Mittagessen traten wir dann auch schon unsere Rückreise nach Deutschland an und erreichten abends gegen 21 Uhr Düsseldorf. Die Reise war für den gesamten Kurs und die beteiligten Lehrer eine unvergessliche und eindrucksvolle Erfahrung. Durch derartige Projekte gerät die Vergangenheit niemals in Vergessenheit und wir wollen weiter vermitteln, dass Auschwitz nicht noch einmal sein darf...


Sophia Myrianthopoulou und Hanna Hölterhoff
(Für den Projektkurs SoWi 12)

Wir bedanken uns bei der Karl-Arnold-Stiftung, dem Lions Club Fliunnia, dem Kirchenkreis Moers und dem Förderverein des JSG und dem Land NRW für die großzügige Unterstützung unserer Fahrt.